Dr. Corinth & Dr. Henkel Rechtsanwälte · Ihre Kanzlei für Arzthaftungsrecht, Schadensersatz und Schmerzensgeld

Patientenanwälte für Arzthaftungsrecht und Geburtsschadensrecht
 

Aktuelles

Nach Operation 16 Gegenstände im Bauch des Patienten gefunden. Prozessbeginn vor dem Landgericht Hannover findet viel Beachtung (www.ndr.de: "Prozessbeginn: Fremdkörper in Patient vergessen"). Prozessbevollmächtigte auf Klägerseite ist Rechtsanwältin Dr. Annette Corinth.

Neuere Entscheidungen zum Arzthaftungsrecht

OLG Hamm, Urteil vom 04. Dezember 2018 – I-26 U 9/16

Grober Befunderhebungsfehler in Form einer unterlassenen Blutzuckerwertbestimmung nach Bewältigung der Akutsituation und Stabilisierung eines schlappen Neugeborenen, mit Blauverfärbung der Extremitäten, Puls von 96 und einer Sauerstoffsättigung von 70 %. Sämtliche Anzeichen, welche das Kind in der Akutsituation gezeigt hatte, konnten grundsätzlich mit einer Hypoglykämie einhergehen. Daher musste die Ursache der lebensbedrohlichen Situation abgeklärt werden, wobei die (unterlassene) Blutzuckerbestimmung bzw. Blutgasanalyse zu den absoluten Standardmaßnahmen gehörte.

Dem Kind wurde ein Schmerzensgeld in Höhe von 500.000,00 EUR zugesprochen. Daneben wurde die Ersatzpflicht für zukünftige materielle und derzeit nicht vorhersehbare immaterielle Schäden festgestellt.

OLG Hamm, Urteil vom 12. Oktober 2018 – I-26 U 172/17

Bei einem auffälligen Tast- und Sonographiebefund ist die Stanzbiopsie die Methode der Wahl zum sicheren Ausschluss einer Krebserkrankung. Mit einer Mammographie kann der Krebsverdacht nicht sicher ausgeräumt werden. Die behandelnde Gynäkologin muss nachweisen, dass sie der Patientin zur Vornahme der indizierten Stanzbiopsie dringend geraten hat. Die alleinige Empfehlung einer Mammographie genügt nicht den regelrechten Anforderungen.

Der Klägerin wurde ein Schmerzensgeld in Höhe von 40.000,00 EUR zugesprochen.

Der Senat ging davon aus, dass viel dafür spreche, dass in der unterlassenen Abklärung des Tumorverdachts durch eine Stanzbiopsie ein grober Befunderhebungsfehler zu sehen ist. Diese Frage konnte jedoch offen gelassen werden, da die unterlassene Befunderhebung vorliegend mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einem reaktionspflichtigen Befund geführt hätte und sich die Verkennung dieses Befundes als fundamental oder das Verhalten des Arztes auf der Basis dieses Ergebnisses als grob fehlerhaft dargestellt hätte (vgl. § 630h Abs. 5 Satz 2 BGB).

Der Sachverständige hatte im Verhandlungstermin bestätigt, dass die erforderliche Stanzbiopsie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Vorliegen eines Brustkarzinoms bestätigt hätte. Die Nichtreaktion auf ein gesichertes Karzinom wäre in jedem Falle schlicht unverständlich gewesen.

Danach gelangte das Gericht zu der Feststellung, dass der Patientin durch die fehlerhafte Behandlung Körperschäden jedenfalls in Form einer verringerten Überlebenswahrscheinlichkeit sowie dem Erfordernis einer Brustamputation entstanden sind. Der Primärschäden wurde in dem fortschreitenden Wachstum des Karzinoms gesehen. Mit diesem typischerweise verbunden sind die Brustamputation, die Metastasierung, das Frühversterben und letztlich die durch diese Beeinträchtigungen hervorgerufenen psychischen Belastungen für die Patientin.

Hinsichtlich dieser Beeinträchtigungen ist der Beklagten angesichts des besonders aggressiven, schnell wachsenden Tumors der ihr obliegende Beweis nicht gelungen, dass trotz einer früheren Diagnose und Behandlung der gleiche Zustand eingetreten wäre. Allein hinsichtlich der Chemotherapie war der Beklagten der Entlastungsbeweis gelungen, da diese auch bei behandlungsfehlerfreiem Vorgehen und entsprechend früherer Diagnose angesichts des speziellen Typs des Mammakarzinoms mit Sicherheit indiziert gewesen und in der gleichen Weise vorgenommen worden wäre.

Der Sachverständige hatte im Termin dargelegt, dass die Chancen der Patientin, sogar von der Krebserkrankung geheilt zu werden, bei früherer Behandlung zumindest in der Tendenz größer gewesen wären. Dabei ist der Faktor Zeit seinen Angaben nach für die Bewertung der Überlebenschance von großer Bedeutung. Bösartige Tumore haben in jedem Falle eine bessere Prognose, wenn weniger Zeit bis zu ihrer Behandlung verstreicht. Die Tumorverdopplungsrate liegt bei einem derart aggressiven Tumor wie bei der Patientin bei 120-150 Tagen. Eine Verzögerung von 8-10 Wochen lässt sich dabei zwar nicht in genaue Prozentsätze umsetzen. Es hätte aber wohl eine mehr als 50 % höhere Chance bestanden zunächst zu überleben, wenn die Behandlung schon nach einer Stanzbiopsie deutlich früher erfolgt wäre. Auch bei einer Verzögerung von lediglich 4 Wochen hätte es zumindest eine Tendenz bezüglich einer besseren Prognose gegeben.